Fehler sind toll!

Zielgruppe: Alle die Fehler machen


Fehler. Keiner macht sie gerne. Ich mittlerweile schon. Manchmal könnte ich mir im ersten Moment in den Allerwertesten beissen, aber hinterher freue ich mich darüber. Fehler sind etwas Gutes. Nur aus dem Scheitern heraus lernen wir. Wer einmal zu schnell mit dem Fahrrad in die Kurve gefahren ist, wird beim nächsten Mal vorsichtiger sein. Wer immer langsam fährt, wird nicht fallen. Dafür wird er immer langsamer fahren, als er vielleicht könnte. Fehler sind etwas Tolles. Und Snowboard fahren. Dazu eine kleine Geschichte:

Als ich ca. neun Jahre alt war, war ich das letzte Mal Skifahren. Es war der letzte gemeinsame Urlaub, bevor meine Eltern sich scheiden liessen. Ich erinnere mich kaum daran, nur an eines: es gab die Kids auf den Skiern. Und es gab die coolen Kids auf den Snowboards.

Immer mit dem Kopf voraus

Sprung zu meinem 14 Jahre jungen Ich. Wintersporttag in der Schule. Fast die ganze Stufe wurde auf einen Berg gefahren und wir konnten einen Tag lang die Pisten runtersausen. Oder wie es in meinem Fall war: Die Piste runterrutschen. Auf dem Gesicht.

Tatsächlich hatte ich alles verlernt, was ich fünf Jahre zuvor noch konnte. Manche Leute sagen, Ski fahren sei wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht! Ich habe ihnen das Gegenteil bewiesen. Auch hier wieder: einige Mädels mit den Skiern, die normalen, langweiligen. Nur die coolen Mädels, die hatten alle Snowboards. Und was für welche! Bunte, pinke, schwarze. Immer passend dazu gekleidet, manche in feschen Pullis und mit lässigem Blick. Eine Mischung aus Polarforscher und Weltraumsurfer. Heiss. Nicht nur sie, sondern auch mein Gesicht, wenn sie mit einem lässigen Hüftschwung das Board herumrissen und neben meinen abgesprungenen Skiern zum Stehen kamen. Einmal kurz vornübergebeugt, die Skier herübergeschoben und dann mit einem lässigen Lächeln wieder auf die Piste. Wow! Und ich sitze hier mit einem Gesicht voll Schnee und hoffe, unverletzt nach Hause zu kommen. Ganz toll.

 Versuch einfach nicht zu sterben

Sechs Jahre und einen fast schon traumatischen Wintersporttag später. Ich sitze wieder in einer Gondel. Diesmal sitzen die Snowboard Mädels neben mir. Undgeben mir Tipps, wie ich es schaffe, den Tag zu überstehen: Du wirst nen echt nassen Hintern bekommen. Wenn du nach vorne fällst, fall auf deine Hände, nicht auf dein Gesicht. Versuch einfach nicht zu sterben.

Es ist ein wirklich schöner Tag. Und meiner guten Laune können auch diese aufbauenden Sprüche keinen Abbruch tun. Es ist nämlich der Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst aufs Board steige! Pure Freude steigt in mir hoch bei dem Gedanken, nun endlich selbst zu den coolen Kindern zu gehören.

Nun auf der Piste. Oder anders herum: die Piste auf mir. Ich sehe nach 100m bereits aus wie ein Schneemann. Ein sich verdammt cool fühlender Schneemann mit roten Wangen und einem fetten Grinsen auf dem Gesicht. Das auch nach zweieinhalb Tagen noch nicht weg ist. Zweieinhalb Tage, in denen ich selten länger als 60 Sekunden auf dem Bord stand. Am Abend erzähle ich der ganzen Gruppe, wie unfassbar viel Spass es gemacht hat. Manche wirken so, als hätten sie das erwartet. Andere, als sei ich zu oft auf den Kopf gefallen.

 

Jeder Fehler hat sich gelohnt

Nach zweieinhalb Tagen ändert sich etwas. Ich bleibe plötzlich länger auf dem Bord. So lange, dass ich gefragt werde wie lange ich schon fahre. Und mir die zweieinhalb Tage nicht geglaubt werden. Was ist passiert?

Nun, ich kenne ab jetzt meine Grenzen. Jedes Mal, das ich hingefallen bin, war ein Schritt über die Grenze. Ein Tick zu schnell um die Kurve. Ein wenig zu lässig den Fuss herumgerissen. Ein kleines bisschen zu weit nach vorn gebeugt. Jeder Fehler hat mir gezeigt, was geht und was nicht. Jedes Mal Schnee fressen hat einen Grund gehabt. Und wenn ich diesen beim ersten Mal nicht erkannte, dann gab es eben einen Nachschlag. Auf diese Weise lernte ich schnell und effizient, wie ich möglichst lange in der Vertikalen zubringen konnte. Natürlich gaben meine Begleiter mir Tipps. Und natürlich schaute ich ein paar Videos zum Thema. Aber den Lernprozess konnte mir keiner abnehmen.

Auch mein Umfeld förderte diese Weise des Lernens. Denn unter Tage gab es kaum Lob für eine gelungene Kurve. Stattdessen wurde im ersten Moment nach einem erneuten Pflug durch den Schneeherzhaft gelacht. Gelegentlich nachgefragt, ob ich noch lebe. Und kein einziges Mal Mitleid geäussert.

Das mag sich hart anhören. Aber es war genau das, was ich gebraucht habe. Ich konnte gar nicht beleidigt oder sauer darüber sein, ausgelacht zu werden. Denn jeder der anderen war an diesem Punkt. Und jeder hatte es überstanden. Also würde ich es auch schaffen.

Hören wir auf, unsere Kinder zu bevormunden

Fehler zu machen ist etwas Gutes. Nur so lernen wir unsere Grenzen und die der anderen kennen. Das ist ein Prozess, den wir niemandem abnehmen können. Auch wenn es manche Eltern versuchen. Natürlich sollten wir unsere trotzdem Kinder davor bewahren, aus dem dritten Stock zu springen. Es gibt aber auch Situationen, da sollten wir unsere Kinder nicht bevormunden. Wenn es einen Baum hochklettern möchte, zum Beispiel. Wir könnten ihm helfen nach oben zu kommen. Dann sitzt es oben und ist für einen Moment glücklich. Und wenn es wieder herunter möchte? Dann bekommt es Angst und weint, bis wir ihm helfen.

Oder aber wir lassen es selbst hochklettern. Vielleicht klappt es im ersten Moment nicht, und das Kind ist frustriert. Vielleicht weint es für drei Minuten. Dann wird es wieder versuchen nach oben zu kommen. Und das solange, bis es klappt. Und wenn es oben angekommen ist, wird es auch wieder herunterkommen. Denn es weis ja nun, dass es alleine Dinge schaffen kann.

 

Und das ist es, worauf ich hinaus möchte:

Wir wissen erst, dass wir etwas schaffen können, wenn wir es versuchen und uns gegen einen Widerstand durchsetzen.

 

Das ist dann die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Und das ist eine Erfahrung, die uns ein Leben lang prägt. Warum schaffen es manche Menschen, ein riesiges Projekt zu bewerkstelligen, während andere an ihrem Müsli scheitern?Weil diese Menschen so von sich überzeugt sind, dass sie es schaffen können. Und dass ihr Erfolg nicht von äusseren Umständen abhängt, sondern nur von ihrer Bereitschaft, immer wieder aufzustehen, nachdem sie Schnee gefressen haben.

Das ist es, was den Unterschied ausmacht zwischen jemandem, der alles erreichen kann und jemandem, der nichts erreichen wird.

Und wir als Eltern, Lehrer, Betreuer, können ganz massiv Einfluss darauf nehmen. Nehmen wir unseren Kindern alle Herausforderungen ab? Oder lassen wir sie sie selbst machen und begleiten sie dabei so gut es geht? Ertragen wir ihr Scheitern? Ihre Fehler? Oder werden wir unruhig bei dem Gedanken, was dann alles passieren könnte?

Es liegt in unserer Hand als Erwachsene. Nutzen wir diese Verantwortung zum besten unserer Kinder. Und beobachten wir sie dabei mit einem fetten Grinsen.



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